Warum viele PR-Agenturen keine Reputation aufbauen

Partikularinteressen von Unternehmen und Personen können in Verbänden und Parteien nicht ausreichend gewichtet werden.

11. Juni 2026.


Reputation wirkt wie die Seiten eines Buches

Je länger ich das Unternehmenskommunikationsgeschäft beobachte, desto mehr komme ich zu der Überzeugung, dass viele PR-Agenturen für ihre Kunden weniger ein Reputationsgewinn als vielmehr ein Reputationsrisiko sind.

Das klingt zunächst absurd. Schließlich werden genau diese Agenturen engagiert, um Sichtbarkeit zu schaffen, Positionen aufzubauen und Vertrauen zu stärken. Tatsächlich erleben viele Unternehmen jedoch das Gegenteil. Sie investieren erhebliche Budgets in Kommunikation und erhalten dafür Veröffentlichungen und hübsche Pressespiegel, ohne dass sich an ihrer Reputation nennenswert etwas verändert. Manchmal wird sie sogar beschädigt.

Der Grund dafür liegt in einem Denkfehler, der sich durch weite Teile der Branche zieht. Viele Agenturen halten die Veröffentlichung bereits für den Erfolg. Erscheint ein Gastbeitrag bei einem vermeintlich relevanten Medium, wird dies als Nachweis der eigenen Leistung gewertet. Dabei ist die Veröffentlichung zunächst einmal gar nichts. Sie ist einzeln betrachtet nichts wert. Sie ist lediglich die Gelegenheit, Wirkung zu entfalten. Ob diese Wirkung tatsächlich eintritt, steht auf einem völlig anderen Blatt.

Jede Veröffentlichung ist ein weiteres Kapitel

Dabei entsteht Wirkung vor allem durch Kontinuität. Ein einzelner Bericht ist nur ein einzelner Bericht. Reputation entsteht erst aus der Summe vieler Veröffentlichungen über Jahre hinweg. Diese Veröffentlichungen müssen wie Kapitel desselben Buches funktionieren. Sie müssen zur Marke, zur Persönlichkeit, zum Anspruch und zur intellektuellen Flughöhe des Absenders passen. Jede Veröffentlichung sendet Signale. Jede Veröffentlichung zahlt auf ein bestimmtes Bild ein oder trägt Farbe von diesem ab. Wer Kommunikation hingegen als Aneinanderreihung isolierter Maßnahmen betrachtet, springt strategisch deutlich zu kurz.

Und: Wer einen Gastbeitrag veröffentlicht, kommuniziert nicht nur ein Thema. Er kommuniziert seine Denkweise, seine Urteilsfähigkeit und seine fachliche Kompetenz. Der Leser trennt das nicht voneinander. Er liest keinen Text und bewertet anschließend isoliert dessen sprachliche Qualität oder Logik. Er zieht ganzheitliche Rückschlüsse auf den Autor. Genau deshalb kann ein schlechter Gastbeitrag mehr Schaden anrichten als gar keiner.

Das Problem besteht darin, dass viele Agenturen gar nicht in diesen Kategorien denken können. Ihr Geschäftsmodell basiert auf Veröffentlichungen, Reichweiten, Clippings und Sichtbarkeit, weil sich diese Dinge zählen, dokumentieren und abrechnen lassen. Reputation funktioniert anders. Sie entsteht langsam, ist schwer messbar und oft erst Jahre später sichtbar. Also konzentriert sich die Branche auf das, was sich präsentieren lässt. Das Ergebnis sind Texte, die häufig handwerklich ordentlich erscheinen – manchmal leider nicht einmal das –, aber weder eine tragfähige Geschichte erzählen noch eine erkennbare Position aufbauen.

Reputationskapital nicht verbrennen

In meiner Welt ist das zu wenig. Wer die Glaubwürdigkeit eines relevanten Mediums für sich in Anspruch nimmt, sollte dort auch etwas veröffentlichen, das dieser Glaubwürdigkeit gerecht wird. Andernfalls verbrennt er nicht nur sein eigenes Reputationskapital, sondern auch ein Stück der Glaubwürdigkeit, die ihm das Medium in diesem Moment leiht. Journalisten und Leser merken gleichermaßen sehr genau, ob ein Autor etwas zu sagen hat oder lediglich etwas von ihm publiziert wurde.

Genau deshalb habe ich mit großen Teilen der Branche ein Problem. Allzu oft werden von Agenturen Veröffentlichungen und Wirkung verwechselt. Wer jedoch diesen Unterschied nicht versteht, betreibt bestenfalls mehr schlecht als recht ein Stück Öffentlichkeitsarbeit. Reputationsmanagement betreibt er nicht.

Wer Kommunikation ausschließlich nach Veröffentlichungen bewertet, sollte sich nicht wundern, wenn am Ende zwar Pressespiegel gefüllt werden, die Reputation des Absenders jedoch stagniert, verwässert oder sogar Schaden nimmt.